Warum sich das Internet (und das darin stattfindende Leben) heute oft seltsam leer anfühlt
Es gibt Orte, die sich schwer erklären lassen, obwohl sie jeder kennt. Verlassene Einkaufszentren mit noch laufenden Rolltreppen, menschenleere Hotelflure mitten in der Nacht, sterile Wartehallen unter flackerndem Neonlicht oder Raststätten, die wirken, als seien sie aus der Zeit gefallen. Räume, die offensichtlich einmal für Begegnung, Bewegung und Leben gedacht waren, deren ursprüngliche Bedeutung jedoch langsam verblasst. Gerade weil sie noch funktionieren, obwohl niemand mehr wirklich anwesend zu sein scheint, erzeugen sie ein eigentümliches Gefühl zwischen Vertrautheit und Fremdheit, zwischen Anwesenheit und Abwesenheit (siehe hierzu auch Liminal space aesthetic).
Ich denke seit einer Weile, dass sich genau diese Atmosphäre auf das Internet und das darin teils stattfindende Leben übertragen hat.
Man scrollt durch Feeds, klickt sich durch Websites und digitale Markenräume, begegnet unzähligen Bildern, Stimmen, Statements und Inhalten, und dennoch entsteht immer häufiger das diffuse Gefühl, dass hinter all dem kaum noch echte Gegenwart zu spüren ist. Alles scheint permanent sichtbar, permanent aktiviert und permanent verfügbar zu sein, während gleichzeitig etwas Menschliches aus diesen Räumen zu verschwinden beginnt. Kommunikation findet überall statt, doch immer öfter wirkt sie wie eine Simulation von Kommunikation. Das Internet erscheint dadurch vielerorts wie ein liminaler Raum.
Victor Turner und die Theorie der Liminalität
Der Anthropologe Victor Turner beschrieb Liminalität als einen Zustand des „betwixt and between“, also als einen Übergangszustand zwischen zwei Ordnungen, Identitäten oder Wirklichkeiten (vgl. Turner 1969: 95). Das Liminale ist weder eindeutig das Alte noch bereits das Neue. Es ist ein Schwellenraum, in dem vertraute Strukturen ihre Stabilität verlieren und neue Bedeutungen erst langsam entstehen. Deshalb besitzen liminale Räume oft etwas Unheimliches. Sie entziehen sich der klaren Einordnung. Man erkennt sie wieder und fühlt sich gleichzeitig von ihnen entfremdet. Vielleicht beschreibt kaum etwas den gegenwärtigen Zustand digitaler Kultur präziser.
Das frühe Internet und der Verlust menschlicher Präsenz
Das frühe Internet wirkte noch spürbar menschlich. Websites wirkten persönlich, Foren hatten Eigenheiten, digitale Räume besaßen Brüche, Fehler und charakteristische Handschriften. Menschen schrieben nicht primär für Algorithmen, sondern für sich oder füreinander. Heute dagegen entsteht zunehmend der Eindruck einer synthetischen Selbstreferenz. Inhalte reproduzieren Inhalte, Bilder imitieren bereits existierende Bildwelten, Sprache orientiert sich an zuvor optimierter Sprache, während Algorithmen bestimmen, welche Formen von Sichtbarkeit überhaupt noch stattfinden können. Kommunikation beginnt dadurch, sich selbst zu zitieren und in eine ewige Rückkopplung mit sich selbst zu geraten (siehe hierzu auch »Die Dionysische Brille«).
Die sogenannte Dead Internet Theory erscheint deshalb weniger als technische Verschwörungserzählung interessant, vielmehr als kulturelles Symptom. Sie beschreibt ein kollektives Empfinden, das viele Menschen längst intuitiv wahrnehmen; dass digitale Räume trotz permanenter Aktivität emotional leer geworden sind. Das Internet wirkt entleert und seiner menschlichen Dichte beraubt.
Platon, Wirklichkeit und digitale Simulation
Diese Entkopplung von Zeichen und Erfahrung ist dabei keineswegs neu. Bereits Platon stellte im Höhlengleichnis die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wirklichkeit und deren Darstellung. Die Gefangenen betrachten Schatten an einer Wand und halten diese für die Realität selbst, obwohl es sich lediglich um Projektionen handelt (vgl. Platon: Politeia 514a–517a). Die Schrift wiederum erscheint in Platons Phaidros als Abbild der Gedanken, während Gedanken selbst nur Abbilder einer tieferliegenden Idee seien. Wahrheit entfernt sich damit schrittweise von ihrer eigentlichen Quelle.
Darin sehe ich eine bemerkenswerte Parallele zur heutigen digitalen Gegenwart. Ein großer Teil der Kommunikation besteht mittlerweile aus Abbildern von Abbildern. KI-generierte Texte simulieren Persönlichkeit, Marken simulieren Haltung, Plattformen simulieren Nähe und selbst Authentizität wird zunehmend zu einer reproduzierbaren Ästhetik. Die Oberfläche bleibt bestehen, doch ihr Ursprung verschiebt sich immer weiter ins Unsichtbare.
Die antike Unterscheidung zwischen Mimesis und Poiesis scheint dabei ebenfalls gegenwärtig. Mimesis bezeichnet die Nachahmung dessen, was bereits existiert, während Poiesis das schöpferische Hervorbringen von etwas Neuem, das vorher nicht existierte, meint. Digitale Systeme bewegen sich heute zunehmend in Richtung reiner Mimesis. Der digitale Raum beginnt dadurch, sich in besagten endlosen Rückkopplungen zu spiegeln.
Das eigentlich Verstörende daran ist weniger die Technologie selbst als vielmehr die Tatsache, dass Worte, Bilder und Haltungen zunehmend losgelöst von echter Erfahrung entstehen. Wenn jede Marke „authentisch“, „mutig“, „nachhaltig“ und „relevant“ sein möchte, beginnen diese Begriffe langsam ihre Bedeutung einzubüßen. Sprache nutzt sich semantisch ab. Worte werden austauschbar, weil sie immer häufiger lediglich den Eindruck von Bedeutung erzeugen, anstatt aus einer tatsächlichen Haltung heraus zu entstehen.
Vielleicht fühlen sich deshalb viele digitale Räume heute wie verlassene Kaufhäuser an. Die Architektur des Begehrens existiert weiterhin, doch das Leben darin scheint verschwunden.
Was antike Tragödien mit digitaler Kultur zu tun haben
Interessanterweise beschäftigten sich bereits die antiken Tragödiendichter mit solchen Zwischenzuständen. Sophokles z.B. legt in seinem König Ödipus Wahrheit schrittweise frei. Ödipus bewegt sich durch eine Wirklichkeit, deren Struktur längst vorhanden ist, die ihm jedoch erst durch einen schmerzhaften Prozess der Selbsterkenntnis bewusst wird. Wahrheit erscheint hier als Transformation. „Erkenne dich selbst“ lautete die berühmte delphische Inschrift, die wie ein unsichtbares Leitmotiv über der Tragödie schwebt (vgl. Giebel 2001: 80). Die Tragödie funktioniert dabei nicht allein über ihren Inhalt, sondern ebenso über Rhythmus, Sprache, Wiederholung und Metrum, also über jene formalen Ordnungen, die Bedeutung überhaupt erst erfahrbar machen.
Darin liegt vielleicht auch eine tiefere Verbindung zum Design.
Design, Harmonie und die Suche nach Ordnung
Gestaltung war immer auch Ausdruck eines bestimmten Weltverständnisses. Bereits die Pythagoreer suchten hinter Schönheit und Harmonie eine mathematische Ordnung, die allem Lebendigen zugrunde liegen sollte. Für sie war „alles Zahl“ (vgl. Frank 1923: 219). Harmonie bedeutete das ausgewogene Verhältnis der Teile zueinander. Auch Josef Müller-Brockmann verstand Gestaltung als Ausdruck einer geistigen Haltung, die sich universellen Ordnungen unterwirft, um Klarheit, Struktur und Orientierung zu erzeugen. „Mit dem Rastersystem arbeiten bedeutet, sich universell gültigen Gesetzen unterordnen“ (vgl. Müller-Brockmann 2001: 10). Gestaltung bedeutete damit immer auch, das Wesentliche sichtbar zu machen.
Die digitale Gegenwart scheint sich jedoch zunehmend in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen. Feeds besitzen zwar Rhythmus, aber kaum noch Richtung. Bilder existieren in endlosen Rückkopplungen, Identitäten zerfließen zwischen Plattformen und Rollenbildern, während sich Inhalte in permanenter Wiederholung gegenseitig verstärken. Die Welt erscheint dadurch vielerorts weder vollständig real noch vollständig künstlich, weder hier noch dort, sondern wie ein Zwischenraum ohne stabile Verortung. Eben wie ein liminaler Raum.
Die zukünftige Aufgabe von Branding und Design
Deshalb könnte die Aufgabe von Branding und Design in Zukunft weit über klassische Markenkommunikation hinausgehen.
Denn je künstlicher und austauschbarer digitale Räume wirken, desto stärker könnte die Sehnsucht nach etwas wachsen, das sich wieder echt, nahbar und menschlich anfühlt. Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung zukünftiger Gestaltung nicht mehr darin, möglichst laut sichtbar zu sein, sondern Räume zu schaffen, in denen wieder etwas Menschliches spürbar wird. Räume mit Atmosphäre, Erinnerung, Reibung und Haltung. Räume, die sich dem algorithmischen Diktat entsagen und emotional in einer echten Tiefe anrühren.
Das bedeutet keineswegs eine nostalgische Rückkehr zu früheren Medienzuständen oder eine romantische Ablehnung technologischer Entwicklungen. Vielmehr geht es um die Frage, wie Gestaltung innerhalb dieser neuen Bedingungen wieder Bedeutung erzeugen kann, ohne selbst vollständig in synthetischer Glätte aufzugehen. Vielleicht entsteht Relevanz künftig dort, wo Marken wieder Ambivalenz zulassen, kulturelle Tiefe entwickeln und den Mut besitzen, mehr zu sein als optimierte Oberflächen.
Branding in einer Welt algorithmischer Wiederholung
Möglicherweise ist die gegenwärtige Leere digitaler Räume kein reines Verfallsphänomen, sondern tatsächlich ein Übergangszustand im Sinne Victor Turners, ein liminaler Moment, in dem alte Formen von Kommunikation, Identität und Öffentlichkeit ihre Stabilität verlieren, während neue Formen erst langsam entstehen.
Die entscheidende Frage wäre dann nicht mehr, wie sichtbar eine Marke ist, sondern ob innerhalb ihrer Kommunikation überhaupt noch etwas erfahrbar bleibt, das sich dem bloßen Kreislauf algorithmischer Wiederholung entzieht. Denn in einer digitalen Welt, die zunehmend aus Simulationen von Bedeutung besteht, könnte genau darin die zukünftige Aufgabe von Design liegen. Wieder mehr Räume zu gestalten, sowohl digital als auch analog, in denen Menschen sich selbst, andere und vielleicht sogar ein Stück Wirklichkeit erneut wahrnehmen können.
Daniel Hyngar, Mai 2026
Literatur
Turner, V. (1969): The Ritual Process. Structure and Anti-Structure. Chicago.
Platon (1991): Politeia. Übersetzt von F. Schleiermacher. Hamburg.
Giebel, M. (2001): Sophokles. Reinbek bei Hamburg.
Frank, E. (1923): Plato und die sogenannten Pythagoreer. Halle.
Müller-Brockmann, J. (2001): Rastersysteme für die visuelle Gestaltung. Sulgen.